REPORTAGE
ZWEI SCHLÄGER UND EIN BALL
Eine Liebeserklärung ans Tischtennis
Von Massimiliano Vincenti
Die schwere Hallentür schwingt auf und sofort schlägt mir dieser Geruch entgegen: eine Mischung aus Hallenboden, Schweiss und dem Holz der Sitzbänke und den Sprossenwänden. In der Umkleidekabine herrscht noch Ruhe. Ich komme meistens ein wenig früher in die Halle, damit ich sicher genug Zeit für alles habe. Heute bin ich als Turnierspieler hier. Ich bin schon ein wenig nervös, während ich in meine schwarz-goldenen Schuhe schlüpfe.
Ich denke daran, wie alles vor gut einem Jahr begann. Mein Kollege Philipp erzählte mir damals von diesem Sport. Er imitierte manchmal die Bewegungen der verschiedenen Schläge und er erzählte mir auch von schnellen Ballwechseln, kurzweiligen, aber leistungsorientierten Trainings und seinen Turniererfahrungen. Damals spielten wir nur zum Spass im zweiten Untergeschoss der Schule, wo wir regelmässig Schläger und Bälle in der Mediothek ausliehen.
Heute laufe ich aus der Garderobe und bereite mich auf mein Turnier vor. Ich greife in meine Tasche und ziehe meinen Schläger aus der Hülle. Mein Zeigefinger fährt sanft über den Belag. Er fühlt sich griffig und leicht klebrig an, eine Seite leuchtend rot, die andere schwarz. Es ist bemerkenswert, wie sehr sich dieses Material entwickelt hat.
Wenn man heute die Profis mit ihren blitzschnellen Rotationsschlägen sieht, vergisst man leicht, dass früher die Schläger noch anders aussahen und nur aus Holz bestanden. Wenn man sich die Geschichte des Tischtennis mal anschaut, ist sie ziemlich überraschend und überhaupt nicht so, wie man es vermuten würde. Man denkt, all die stolzen Tischtennisfanatiker würden immer sagen: Tischtennis habe nichts mit Tennis zu tun, ausser dass man mit zwei Schlägern und einem Ball spielt. Doch das stimmt nicht, denn der Ursprung des Tischtennis liegt bei den Engländern, die die meisten Sportarten überhaupt erfunden haben. Grundsätzlich gehen die meisten Menschen davon aus, dass Tischtennis eine uralte Tradition der Chinesen oder Japaner wäre, da sie so gut darin sind und die Weltspitze abgesehen von ein paar Ausnahmen gnadenlos dominieren. Mein Lieblingssport ging nämlich ursprünglich vom englischen Adel aus. Alles begann, als der königliche Adel 1874 bei schlechtem Wetter das Rasentennis vorübergehend in den Wohnsaal verschieben musste und damit den Ursprung des Tischtennis legte. Danach ging es rasch vorwärts, als die Sportart auch in Westasien populär wurde. Der neue englische Sport expandierte und wurde zum Volkssport Nummer 1. Einer der ersten Vereine war der Cavendish Club und die ersten offiziellen Regeln wurden dann 1875 von einem Ingenieur veröffentlicht.
Ich beginne meine Aufwärmroutine. Die ersten Bälle springen rhythmisch auf den Tisch zum Schläger und wieder auf den Tisch. Während ich mich einspiele, beobachte ich die anderen. Tischtennis wird oft unterschätzt. Viele finden es zwar unterhaltsam, aber unterliegen dem Mythos, es wäre nicht anstrengend. Es wird oft sogar als reiner Freizeitsport oder als Idiotensport für jene belächelt, die keine richtige Sportart beherrschen oder als Unterhaltungsspiel, das man betrunken im Park spielen könnte. Deshalb können sich viele gar nicht vorstellen, es regelmässig zu spielen. Mir ging es anfangs genauso, doch nach ein paar Trainings packte mich die Leidenschaft. Mittlerweile trainiere ich vier- bis fünfmal die Woche. Ist das schon eine Sucht? In einer verletzungsbedingten Pause merkte ich erst, wie sehr mir der Sport fehlte und wie meine Stimmung ohne das Training sank.
«Auslosung!», tönt es durch die Halle. Mein Name wird aufgerufen. Tisch 4. Mein Gegner sieht jung aus, aber steht ziemlich sicher. Ich versuche, seine Stärken und Schwächen herauszufinden, während wir einspielen.
Nach dem ersten Satz, den ich knapp verloren habe, gehe ich zu meinen Trainern. Markus Baumann und Ruedi Schwarz erwarten mich bereits. Die beiden sind schon sehr erfahren im Schweizer und internationalen Tischtennis. Markus entdeckte seine Liebe zum Sport mit sechs Jahren durch einen klappbaren Mini-Tisch, den er von seiner Grossmutter zum Geburtstag bekam. Ruedi hingegen kam über Umwege zum Tischtennis: Als ehemaliger Radrennfahrer suchte er sich einen Sport, bei dem das Reisegepäck weniger Platz braucht als ein Rennrad.
«Spiel mit Überzeugung», sagt Markus ruhig. Sie wissen, wovon sie reden. Für sie ist Tischtennis ein «edler Sport», bei dem Respekt an oberster Stelle steht. Man sollte immer ehrlich sein, auch wenn der Gegner einen Streifball an der Tischkante übersieht. Ich atme tief durch. Ein verlorener Satz bedeutet im Tischtennis noch lange nicht das Ende, das Spiel ist noch offen und es kann sich noch alles ändern. Das ist etwas, das man eigentlich direkt auf das Leben übertragen kann. «Es ist erst vorbei, wenn alles vorbei ist.»
Ich gehe zurück an den Tisch. Ich brauche die volle Motivation und Konzentration, von denen meine Trainer sprechen. Es ist nicht nur Ehrgeiz, sondern auch eine kontrollierbare Aggression, die mit drinsteckt. Insgesamt bestreite ich heute fünf Partien. Es ist ein Auf und Ab der Emotionen: Nach dem verlorenen ersten Satz im Auftaktmatch fühle ich mich kurz verunsichert, doch dann nimmt mich der Kampfgeist mit.
Beim Stand von 9:9 im zweiten Satz spüre ich, wie die Konzentration alles andere ausblendet. Ich ziehe einen harten Topspin, der Ball streift die Kante. Äusserlich unzufrieden, innerlich doch ein wenig erfreut. Glück gehört eben dazu; hätte dem Gegner genauso passieren können! Es steht 1:1 nach zwei Sätzen. Jetzt läuft es für mich. Zweimal muss ich mich am Ende des Tages dem Können meiner Gegner geschlagen geben, doch dreimal verlasse ich den Tisch als Sieger. Jeder Ballwechsel, ob gewonnen oder verloren, bestätigt mir, warum ich diesen Sport so mag. Besonders der vorletzte Punkt in meinem letzten Spiel, ein langer Ballwechsel mit einem abschliessenden Schmetterball, löst jetzt noch ein Glücksgefühl aus, wenn ich daran denke.
Nach meinem letzten Spiel bleibe ich noch in der Halle, um meine Kollegen zu coachen. Ich beobachte ihre Spiele und versuche, ihnen Ratschläge zu geben. Ich kenne ihren Spielstil schon und versuche herauszufinden, mit welchen Schlägen sie ihren Gegner kontern könnten. Eher passiv oder aggressiv kämpfen? In die Rückhand oder in die Vorhand spielen? Das sind so Fragen, die aufkommen.
Schliesslich merke ich die Erschöpfung in meinen Beinen, als ich in die Garderobe zurückgehe. Während ich mich umziehe, spüre ich eine tiefe Zufriedenheit. Mit einer positiven Spielbilanz und der Erkenntnis, heute alles gegeben zu haben, ziehe ich meine Strassenschuhe an. Auch wenn es beim Tischtennis blöd gesagt nur darum geht, den Ball einmal mehr auf den Tisch zu bringen als der Gegner, ist es für mich längst mehr als nur ein Spiel – es ist Leidenschaft pur.
Massimiliano Vincenti ist Schüler der Klasse 3c und Teil der Redaktion LGazette (SJ 25/26).
