REPORTAGE
WENN DRACHEN PLÖTZLICH HAUSAUFGABEN MACHEN
Spiele und ihr Einfluss auf die Entwicklung von Kindern
Von Maya Gacond
«Du bist der Papa!»
«Ich möchte aber die Mama sein!»
«Nein, ich bin schon die Mama. Dann bist du eben die Schwester!»
«Ich will aber keine Schwester sein, die ist immer so laaaaangweilig. Ausserdem war ich letztes Mal schon die doofe Schwester!»
Das Mädchen mit dem rosaroten My-Little-Pony-Pullover wirft ihrer Freundin Schaufel und Sand auf die Latzhose. Dieses fängt daraufhin an zu weinen. «Das ist so unfair! Ich lade dich nie mehr zu meiner Geburtstagsparty ein.» Das Mädchen mit dem rosaroten Pullover zieht eine Grimasse und streckt die Zunge heraus. «Ich will auch nicht zu deiner blöden Feenparty. Einhörner sind sowieso besser, ätschibätsch!»
Kannst du dich noch daran erinnern, als du dieses Kind warst, das im Sandkasten mit anderen gespielt hat? Wie du dich mit ihnen gestritten hast, wer welche Rolle spielen darf? Wie du die anderen Kinder mit Sand beworfen hast? Wie die Mädchen in der Primarschule jeden Tag in der grossen Pause Pferde gespielt haben? Manchmal vermisse ich diese Zeit. Kein Gymi, keine Überdosis an Hausaufgaben und Prüfungen. Einfach nur spielen, spielen, spielen. Wir hatten damals ein riesiges Klettergerüst auf unserem Schulhof. Jede Pause Räuber und Poli – die Räuber waren immer die Coolen! Auch Schach, wenn draussen schlechtes Wetter war, oder abends Playmobil spielen mit dem Bruder, bis sich beide gegenseitig auf die Nerven gingen. All das hat mich ein Stück weit zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin. Denn Spiele prägen unsere Entwicklung. Deshalb habe ich eine kleine Zeitreise gemacht: ein Besuch in meiner Primarschule.
Alles ist wie früher: das Gebäude, die Einfahrt, sogar mein heissgeliebtes Klettergerüst steht noch da. Nun gehen andere, deutlich jüngere Kinder an diese Schule, die jetzt an unserer Stelle spielen dürfen und den anderen während des Fangis hinterherrennen können.
Ich trete in das Schulgebäude und werde beim Vorbeilaufen erst einmal von Kindern und Lehrpersonen herzlich willkommen geheissen. Begrüsst werde ich mit einer Runde «Oh no 99». Das ist ein Kartenspiel, bei dem die Summe der gelegten Karten 99 nicht überschreiten darf – natürlich habe ich die erste Runde verloren. Hier können die Kinder morgens in entspannter Atmosphäre in den Tag starten. Für einen erfolgreichen Schultag ist Motivation entscheidend. Ein spielerischer Beginn trägt wesentlich dazu bei.
Weiter geht es mit dem Matheunterricht. Zur Aufwärmung bilden wir zwei Schlangen; die vordersten Personen jeder Schlange treten gegeneinander an: Wer zuerst die Aufgabe im Kopf ausrechnet, gewinnt! Manchmal muss man kniffeln und überlegen: etwa 240 + 71! Wie rechne ich das am schnellsten aus? Doch ein wenig Anspruch sei notwendig, sagt eine Expertin: «Das Motivierendste ist, wenn wir den Entwicklungsstand des Kindes mit den Angeboten genau treffen. Also wenn wir es nicht überfordern oder unterfordern, sondern es eigentlich gerade ein bisschen oberhalb seiner Grenze oder seines Standes kitzeln respektive herausfordern.» Martina Hug arbeitet als Oberärztin im Kinderspital Zürich. Seit 14 Jahren ist sie in der Abteilung Entwicklungspädiatrie tätig. Motiviert für diesen Beruf hat sie ihr Interesse an Kindern und ihren Besonderheiten in der Entwicklung. Mit ihrer Hilfe konnte ich viele neue Beobachtungen machen.
Nach viel Addieren und Subtrahieren sind die Köpfe vollständig aufgewacht, und es geht an ein paar Aufgaben im Buch. Nach einer Stunde konzentrierten Arbeitens gibt es eine kleine Pause. Seilspringen. «17, 18, 19, 20 … Ich habe zwanzig Mal geschafft! Willst du auch mal probieren, Maya?» Vielleicht tut mir eine kleine Pause gut. Eins, zwei, drei, vier…
«Von der Hand in den Verstand.» So formulierte es eine Mathematiklehrperson der Klasse. Zuerst sollen sich die Kinder bewegen, damit sich das Gehirn einschalten und Informationen besser verarbeiten kann. Danach geht es nochmals ans Arbeiten, wieder mit kühlem Kopf ans schriftliche Multiplizieren.
Die Glocke läutet zur grossen Pause. Alle versammeln sich in der Aula rund um den Znünitisch. Wegen des schlechten Wetters findet die Pause drinnen statt. Schach, Bauklötze, Pferdespielen und noch vieles mehr. Sowohl Strategie als auch Rollenspiele finden unter den Freunden statt. «Um soziale Fähigkeiten zu entwickeln, braucht es Kontakt zu anderen, primär zu gleichaltrigen Kindern, mit denen man in Interaktionen oder im wechselseitigen Austausch beim Spielen steht», sagt Martina Hug. Spielen ist etwas Schönes, doch manchmal können auch Probleme auftreten. Wenn man sich nicht mit der besten Freundin oder dem besten Freund einigen kann, wer welche Rolle übernimmt oder sich nicht an die blöden Regeln halten will. Doch auch das ist wichtig. Denn nicht nur das Spielen an sich hat einen Einfluss auf die kindliche Entwicklung. Es zeigt auch die Persönlichkeit beziehungsweise die Präferenzen eines Kindes anhand der Beteiligung oder der Spielwahl. Viel wird auch über die individuellen Unterschiede gesprochen, meint Martina Hug: «Man diskutiert viel darüber, ob es vom Geschlecht abhängt, z.B., dass Jungen eher wilde und körperliche Spiele wählen und Mädchen eher ruhigere, etwas bedachtere oder auch Rollenspiele.»
Wir sind zurück im Unterricht. Jetzt ist Deutsch an der Reihe. Alle sitzen in einem Kreis. Das heutige Thema: Fremdwörter. Zum Aufwärmen ein kleines Zuordnungsspiel. Jeder bekommt ein Wort und muss es der richtigen ursprünglichen Sprache zuordnen: Rot – Englisch, Blau – Französisch, Grün – Italienisch. Das Buffet … Es enthält ein u, das als ü und ein t am Ende, das nicht ausgesprochen wird – es muss also Französisch sein. So macht der Unterricht doch viel mehr Spass, als nur alles mit Aufgaben im Heft zu lernen. Martina Hug fordert dazu die Beteiligung der Lehrpersonen: «Das Kind muss sich wohlfühlen und interessiert sein. Auch die Lehrperson sollte Interesse haben. Was findet das Kind spannend und wo liegen seine Stärken? Wie kann man als Lehrperson sein pädagogisches Wissen anwenden, damit das Kind lernt und die Motivation daran erhalten bleibt?»
Nun darf ich mich auch beteiligen. Ich soll, so wie die anderen Kinder, einen kleinen Vortrag über ein Fremdwort halten: das Hobby. Das ist zwar kein Spiel im engeren Sinne, fordert aber ebenfalls soziale Kompetenzen, da es vor der Klasse vorgetragen wird. Zusätzlich bekommt jeder eine kleine Beobachtungsaufgabe: Die zuhörenden Kinder achten darauf, ob der Vortrag flüssig, laut und deutlich war, ob es inhaltliche Verständnisprobleme gab und was besonders gut gelungen ist. Lernen, sich sozial verständigen zu können, ist nämlich auch wichtig. Denn gerade heutzutage, mit der Digitalisierung, gerät dies etwas in den Hintergrund. «Es gibt sicher Bedenken, wenn Kinder viele Stunden vor dem Gerät verbringen und dadurch an Erfahrungen in der realen Welt gehindert werden. Sie sind nicht sozial, auch wenn es soziale Medien heisst, aber sie reagieren und geben nicht die gleichen Zeichen wie wirkliche Menschen. Da kann es Erfahrungsdefizite geben. Das ist bekannt.»
Wichtig ist, dass Eltern Verantwortung tragen und einen Überblick über das Medienverhalten ihrer Kinder haben. Digitale Medien lassen sich nicht eindeutig als Gefahr oder Chance einordnen. Sie sind Teil unserer Lebensrealität. Kinder müssen erst lernen, sich darin zurechtzufinden. Entscheidend ist dabei nicht nur die Bildschirmzeit, sondern auch die Begleitung. Kinder brauchen Erwachsene, die hinschauen, mitdenken, mitreden und Orientierung geben. Doch so wichtig die Auseinandersetzung mit digitalen Medien auch ist: Sie ersetzt die Realität nicht.
Die Schule ist für heute aus. Kinder stürmen mit Vorfreude auf den freien Nachmittag an mir vorbei. Für mich geht es nun weiter: leider nicht nach Hause, um stundenlang Lego zu bauen, sondern in den Unterricht. Es weht ein leichter Wind, die Blätter an den Bäumen rascheln. Mein Blick fällt auf den Sandkasten. Die Mädchen von vorhin sitzen immer noch dort. Mittlerweile haben sie eine riesige Sandburg gebaut. Als sie zu mir aufsehen, lächle ich sie an. Ich beeile mich nun. Ich laufe rasch am Sandkasten vorbei, lausche jedoch noch dem Gespräch der beiden. «Ich bin die liebe und wunderschöne Prinzessin mit blonden Locken und einem rosafarbenen Kleid. Für dich gibt es keinen Platz mehr in der Burg. Du kannst ein Drache sein oder so …»
Ich höre einen Knall. Boom.
«NEIN! Spiel allein, du blöde Prinzessin!»
Maya Gacond ist Schülerin der Klasse 4i und Teil der Redaktion LGazette (SJ 25/26).
