POETRY-SLAM
DIE STIMME IN DEINEM OHR
Unsere Gastautorin war LG-Schülerin und spielt gerne mit Worten. Mit dem folgenden Text hat sie die Schweizermeisterschaft des Poetry-Slams gewonnen.
Gastbeitrag von Annika Biedermann
Delegates, colleagues
Mesdames et messieurs
¡Se abre la sesión!
The meeting is called to order.
Pssst, ich bin’s,
die Stimme in deinem Ohr.
Sehr geehrte Damen und Herren
die Tagesordnung sieht heute Folgendes vor.
Was soll’s.
Da sitzt ihr, ihr Wichtigen,
Spitzen von Staaten, Organisationen, Diplomatie.
Sprecht über Wichtiges,
Klimawandel, humanitäre Hilfe, Demokratie
Ich blick auf euch herab,
doch mich sieht man nie.
Ohne mich wärt ihr aufgeschmissen,
deshalb bin ich ja da.
Ich blicke hinter die Kulissen
aber fall unter den Radar.
Mein Hintergrund, ein ganz anderer
und doch Mitte der Politik, der Wirtschaft und des Rechts.
Abgekapselt in einer schalldichten Kabine
und doch im Eifer des Gefechts.
Mit Kopfhörern am Ohr,
höre ich gebannt.
Mund am Mikrofon
und mit wachem Verstand.
Ich schlüpf’ in eure Haut
und leih euch meine Stimme.
Ich verstehe euch genau,
spreche ganz in eurem Sinne.
Ich höre nicht nur, was ihr sagt,
ich weiss auch, was ihr sagen wollt.
Wie heisst es so schön: Reden ist Silber, Simultandolmetschen ist Gold.
Pssst, ich bin’s, die Stimme in deinem Ohr.
Ich bin bewaffnet mit der Sprache
und beflügelt durch sie auch.
Ich sprech euch nicht nur nach,
sondern manchmal auch voraus.
Sodass «meaning» Bedeutung erhält
und nicht zur Meinung verrutscht.
Ich versteh, wie sich Sprache verhält,
erahne die deutsche Verneinung zum Schluss.
Ich weiss,
wann «die Schicht» layer, wann class und wann shift bedeutet.
Dass, wenn eine sog. bell ringt,
nicht wirklich eine Glocke läutet.
Dass ich von Begriffen mit «Sonder-» abrate,
weil im Deutschen Vorsicht geboten ist.
Und welche Übersetzung von Durchfallrate
eher ein Griff ins Klo ist.
Was auch immer kommt, ich sag es,
aber wortwörtlich bitte nicht.
At the end of the day ist nicht am Ende des Tages,
wenn schon «unterm Strich».
Pssst, ich bin’s, die Stimme in deinem Ohr.
Ihr haltet euch für die Mächtigen,
dabei hängt ihr von mir ab.
Ihr seid auf meine Leistung angewiesen,
damit es dann auch klappt.
Macht bringt Verantwortung.
Ich könnte einfach sagen, was mir beliebe.
Wer weiss das schon?
Gelegenheit macht Diebe.
La ocasión hace al ladrón.
Das wisst ihr doch am besten.
Damit kennt ihr euch doch aus.
«Bon chien chasse de race.»
«Like father like son.»
Wir sind gar nicht so unähnlich.
Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Pssst, ich bin’s, die Stimme in deinem Ohr.
Ihr drückt immer nur das aus,
was ich schlussendlich sage.
Wenn’s drauf ankommt,
bin ich das Zünglein an der Waage.
Ich könnte mir einen Spass erlauben
und aus einem Klimagipfel
ein Croissant du climat machen …
und ganz wichtigi Männer würed um die menschegmachti Erwärmig vomne Gipfeli debattiere.
Aber im Ernst.
Was ich mir den ganzen Tag lang anhör,
zwischen Anekdoten und Scherzen.
Vous parlez manchmal par cœur
aber selten von Herzen.
Ich höre Kälte und Frost und leere Versprechen,
in Worthülsen und Floskeln, um sie zu brechen.
«Ladies and gentlemen, we are doing everything within our power
to put an end to this horrible suffering.»
Pssst, ich bin’s, die Stimme in deinem Ohr.
Meine Damen und Herren, wir unternehmen genau gar nix,
machen wir uns nichts vor.
Auch wenn ich an der kognitiven Grenze bin,
müsst ihr mir vertrauen.
In diesem Zirkus bin ich Seiltänzerin,
und du, mein Freund, der Clown.
«Today I feel African.
Today i feel gay and disabled.»
Ja, okay, genau.
Mehr so, heute fühl’ ich mich scheinheilig und korrupt und unter aller Sau.
Ich bewundere euch fast schon,
dass eine solche Rede euch nicht die Zunge lähmt.
Denn wie soll ich sagen,
ich habe mich schon für sehr viel weniger geschämt.
Auf der Weltbühne läuft ein Trauerspiel.
Wie gehen wir voran?
Wie kommen wir so genau ans Ziel?
Habemus ein Riesen Tam Tam.
Eure Worte leeres Geplätscher,
so unfassbar kühl.
Nachdem ich euch dolmetsche,
muss ich meinen Mund ausspülen.
Ihr habt vermeintliche Lösungen postuliert,
doch etwas gelöst haben sie nie.
Die Zollwut bricht aus,
doch ihr erklärt den «Wokismus» zur Pandemie.
Testosteron getrieben, verkauft ihr uns für dumm.
Krieg erklären ist Mansplaining im Endstadium.
Ich weiss, dass ihr auf keiner Sprache wisst,
was menschliche Würde heisst.
Das ist kein latentes Bauchgefühl,
sondern ein akuter Würgereiz.
Ich bin sprachlos.
Mir bleibt die Spucke weg.
Es geht wieder von vorne los,
dieser Spuk ist echt.
Männer der übelsten Sorte
sorgen für Radau.
Eine Geste sagt mehr als tausend Worte.
Das weiss Elon doch genau.
Die Grenze des Sagbaren ist buchstäblich verrückt.
Das Unsägliche sagbar.
Die Mode der 30er ist zurück,
salonfähig tragbar.
Ich kann das alles nicht mehr.
Ich zweifle daran,
ob das ein Gespräch unter Erwachsenen ist.
Also spreche ich von nun an,
wie mir der Schnabel gewachsen ist.
Ich nehme es in Kauf, echt
Schluss mit vorsichtig.
In der Dolmetschkabine sitze ich aufrecht,
denn Haltung ist wichtig.
Pssst, ich bin’s, die Stimme in deinem Ohr.
Mit wachem Verstand,
hab’ ich den Mund am Mikrofon
und die Fäden in der Hand.
Ihr habt weniger Macht, als es womöglich scheint.
Mit die da oben wäre genau genommen ich gemeint.
Mit Sprache kommt Verantwortung.
Sprache ist Macht.
Wer sie kontrolliert,
ist, wer zuletzt noch lacht.
Manche Worte kommen aus der Pistole geschossen,
andere gehüllt in Watte.
Zwischen Schmeichelei und Provokation
steht fest: Wer Sprache beherrscht, prägt die Debatte.
Wer benennt und wer wird benannt?
Welches Argument wird von wem anerkannt?
Sprache füllt Hallen und schafft Realität.
Ist ein Wort mal gefallen, ist es oft schon zu spät.
Pssst, ich bin die Stimme in deinem Ohr.
Meine Damen und Herren,
hiermit schliessen wir die Sitzung:
Si vous êtes d’accord.
Annika Biedermann ist Dolmetscherin, Slam-Poetin und war Schülerin am LG (Matura 2018).
