REFLEXION
ZWISCHEN SPIEL UND REALITÄT
Von Amélie Hohmann und Mara Maag
Alarmsirenen schrillen. Wir sind im Krieg. Die Armee marschiert im Takt bedrohlich über die Bühne. Es ist ein unheimlicher Moment; da kriegt man Gänsehaut. Überall leiden, sterben Geliebte, Verwandte und Freunde. Lautes Geschrei ist zu hören. Personen rennen umher. Alle sind getrieben vom Überlebensinstinkt und Panik. Einer nach dem anderen fällt zu Boden, bis keiner mehr übrig ist. Diese bedrohlichen Szenen wurden von der Theater AG Rämibühl in ihrem aktuellen Stück «Frieden» eindrucksvoll inszeniert.
Kurz zuvor sassen wir noch bei Sonnenschein auf der Treppe vor der Aula – ein Moment völliger Unbeschwertheit – und nun befinden wir uns mitten in einem Horrorszenario. Angst zeichnet sich in den Gesichtern des Publikums ab. Eine erdrückende Stille breitet sich im Saal aus – lauter als alles zuvor. Jede Bewegung und jeder Atemzug sind in diesem Moment unangebracht. Die Stille schafft uns Platz, das Gesehene zu verarbeiten. Unendlich viele Fragen schwirren uns im Kopf umher. Es beschäftigt uns vor allem, ob das auf der Bühne Dargestellte auch bei uns zur Realität werden kann.
Oder ist es eben doch nur ein Spiel? Wo liegt die Grenze zwischen Spiel und Realität?
Spätestens als die geladenen Politiker auf die Bühne traten, um mit den Schauspieler:innen zu diskutieren, wurden wir zurück in die Realität gerissen. Durch diese Gespräche wurde uns bewusst, wie viel von dem Dargestellten heute bereits Realität ist, da sie uns halfen, die Entwicklungen besser zu verstehen.
Das Theaterspiel ist eine Art, das Publikum zusammenzubringen und sie zum Nachdenken aufzufordern. Besonders in politisch unruhigen Zeiten ist es eine Möglichkeit, eine Nachricht indirekt zu übermitteln und einen geschützten Raum zu schaffen, in dem wir Gedanken zulassen können, die im Alltag keinen Platz finden.
Das Stück lässt einen reflektieren, was Frieden überhaupt bedeutet. Laut Duden ist Frieden «der Zustand des inner-/ zwischenstaatlichen Zusammenlebens in Ruhe und Sicherheit, oder der Zustand der Eintracht, der Harmonie». Seit wir uns erinnern können, gab es nie überall Frieden und momentan scheint es gerade so schlimm wie noch nie.
Eigentlich sitzen wir alle im selben sinkenden Boot. Trotz beklemmender Umstände und unterschiedlicher Meinungen verbindet uns der Wille zum Frieden. Diese Verbundenheit spiegelt sich auch im Theater wider – unteranderem in der eindrücklichen Szene, in der sich die Schauspieler:innen im Bunker befinden. Denn alle Beteiligten – unabhängig davon, ob sie dieselbe oder eine andere Überzeugung teilen – wollen dasselbe: raus aus dieser Situation. Der Ernst der Lage hat sich verschärft, je länger sie sich im Bunker ausharren. Das ist auch der Zeitpunkt, als sie beginnen, sich die existenziellen Fragen zu stellen: Bin ich bereit zu töten? Muss ich kämpfen? Für wen? Gegen wen?
Als die verschiedenen Figuren gemeinsam in diesem Bunker gefangen sind, treten ihre Unterschiede noch deutlicher hervor. Eine Figur zittert vor Angst und fragt ihre Freundin immer wieder, wann sie endlich wieder hinaus können. Eine andere hingegen ist geradezu darauf erpicht, in den Krieg zu ziehen und zu kämpfen. Trotz des gemeinsamen Ziels bilden sich unter den Schutzsuchenden schnell Gruppen. Obwohl nun der Moment wäre, in dem alle zusammenhalten müssten, geschieht das Gegenteil. Die unterschiedlichen Meinungen, die auf so engem Raum zusammenprallen, schaffen eine grosse Kluft, die kaum überwindbar ist.
Wir alle haben Angst. Doch sowohl in friedlichen als auch in unruhigen Zeiten fürchten wir uns wohl nicht alle vor demselben. Trotzdem zeigt diese Szene deutlich, wie wichtig Zusammenhalt ist, denn sonst entstehen nur noch tiefere Narben, die nie ganz heilen können.
Genau darin – wie wir dies zuvor bereits betont haben – liegt die Kraft des Theaters: im Spiel mit Gedanken. Die Schauspieler:innen haben mit unseren Erwartungen gespielt und uns dabei provoziert, geschockt, erstaunt und berührt. Es gab Freudentränen, aber auch Tränen der Trauer. Das Publikum war sichtlich beeindruckt vom Können der Schauspieler:innen. Das Stück hat uns wachgerüttelt und gezeigt, wie wichtig es ist, Fragen zu stellen und den Mut zu haben, zu hinterfragen. Denn vielleicht beginnt genau dort der erste Schritt in Richtung Frieden.
Amélie Hohmann und Mara Maag sind Schülerinnen der Klasse 4b SJ 25/26.
