TEXTANALYSE
IM REGEN VERSINKT DIE KRONE
Rap als Spiel mit Sprache und Identität
Von David Maier
Ich weiss kaum etwas über deutschen Hip-Hop. Ich höre beinahe ausschliesslich amerikanische Musik – das habe ich schon immer getan. Aber irgendwie ist es mir peinlich, dass ich die Texte der US-Rapper besser kenne als die der deutschen Musiker. Die Kultur meines Nachbarlandes sollte mir doch näher, bekannter sein. Ich will mehr erfahren. Ich möchte auf Entdeckungsreise gehen und in Rap-Texten sprachliche Bilder und Motive untersuchen, so wie es Dylanologen seit Jahrzehnten im Werk des Literaturnobelpreisträgers Bob Dylan tun. Denn auch Rap-Texte lassen sich als eine Form moderner Lyrik begreifen. Rap ist immer auch ein Spiel mit Sprache. Wortspiele, Rollenbilder und doppelte Bedeutungen prägen das Genre – und machen viele Rap-Texte literarisch interessant.
Viele werden den Kopf schütteln und einigen werden die stereotypischen Bilder aus Musikvideos der 2000er im inneren Auge erscheinen: Vielleicht denken sie an 50 Cent, einen der erfolgreichsten Rapper der 2000er-Jahre. Seine Texte kreisen oft um Drogen, Gewalt und Sex. Haben Sie zum Beispiel das Lied «P.I.M.P.» gehört? Darin inszeniert er ein Leben voller Luxus, Macht und sexueller Verfügbarkeit von Frauen. Ein bewusst überzeichnetes Bild von Männlichkeit, das an heutige Diskurse der sogenannten Manosphere erinnert. 50 Cent gibt den Macho: Er stilisiert sich als unverwundbaren, kalten Gangster, der selbst extreme Gewalt überlebt hat und präsentiert sich zugleich als Objekt weiblicher Begierde. Dieser Archetyp ist im Genre omnipräsent und wird auch in dieser Textanalyse eine wichtige Rolle spielen. Doch eigentlich will ich mich bei meiner Suche gerade von solchen stereotypischen Inszenierungen entfernen. Ich möchte Musik hören, die gängige Klischees hinterfragt oder durchbricht, statt sie lediglich zu reproduzieren. Ich google: «Gibt es literarischen Deutschrap?» und stosse auf eine Seite der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Dort wurde im März 2023 am Deutschen Seminar eine Tagung unter dem Titel «Gebt OG Keemo den Büchner-Preis!» durchgeführt. Der Georg-Büchner-Preis gilt als einer der renommiertesten Literaturpreise im deutschsprachigen Raum. Diese Art von Provokation mag ich. Ich höre mir also die Musik von OG Keemo an. Besonders der Song «Regen» aus seinem Album «Mann beisst Hund» (2022), das für seine dichte, erzählerische Sprache bekannt ist, bleibt mir sofort im Gedächtnis. Dieser Song fasziniert mich vor allem durch die Art und Weise, wie er scheinbar typische Rap-Motive aufgreift und zugleich ihre Schattenseiten offenlegt.
Um was geht es im Lied «Regen»? Das namensgebende Motiv ist wenig überraschend allgegenwärtig. So heisst es im Refrain: «[…] Wenn es regnet, regnet's richtig / Ich sitz in der Küche nachts und zähle meinen Lichtblick.» Regen kann in diesem Zusammenhang vieles bedeuten: Er kann für Geld stehen, als würde es Geld regnen; er kann Traurigkeit ausdrücken oder eine innere Katharsis beschreiben. Die volle Bedeutung des Regens wird jedoch erst verständlich, wenn man alle Elemente des Textes berücksichtigt.
Die Figur des Songs erscheint zunächst als typischer abgebrühter und hartgesottener Einzelgänger mit einem starken Hang zur Kriminalität. Im Text spricht das lyrische Ich immer wieder über «seine Nina», wobei der Slangbegriff «Nina» eine 9-Millimeter-Handfeuerwaffe bezeichnet: «Die Nina ist schon seit Jahren schwanger mit Achtlingen.» Diese wird in seiner Einsamkeit fast zu einer menschlichen Figur. Zwei weitere Passagen sind in diesem Zusammenhang besonders wichtig: «Seit den letzten Jahr'n glaub ich nur an mich selbst / An diese Gun und an 'ne handvoll Geld.» Er hat also nichts anderes mehr, das ihn am Leben hält. Diese Tatsache macht «Nina» noch stärker zu einer Art Bezugspunkt – nicht wirklich einer Person, sondern einer Personifizierung von Gewalt oder dem Mangel an echten Beziehungen. Dies wird kurz darauf weiter verstärkt: «Ich bin der älteste junge Mann der Welt / Und es gibt nichts außer seiner Familie, was ihn irgendwie noch an ihr hält.» Seine Familie wird jedoch im Song nie weiter erwähnt. Möglicherweise meint er damit keine reale Familie, sondern eine metaphorische Form von Zugehörigkeit – möglicherweise eben seine Waffe als treue Begleiterin. Nicht nur die «Beziehung» zu einer Pistole deutet auf ein problematisches Verhältnis zur Gewalt hin, die später sehr deutlich wird, als der Erzähler beschreibt, wie er eine Bank ausraubt. Dabei inszeniert er sich selbst als «hartes» Individuum: «Ruf ich mit dem Full Clip am Schädel vom Bankier, so als wär er mir was –.» Es ist ihm also egal, was mit dem Bankier passiert. Er hat ein Ziel, nämlich Geld, und würde alles tun und alles ertragen, um es zu erreichen: «Ich fühl mich wohl bei Regen, Sonnentage fühl'n sich fake an, wenn ich Pesos jag.» Die Pause am Schluss des ersten Zitats kann als Hinweis auf Zweifel gelesen werden. Das lyrische Ich spricht das Wort «schuldig» nicht aus, weil es genau weiss, dass der Bankier keine und er selbst die Schuld trägt.
Wie bereits angedeutet, zeigt sich in «Regen» ein stark isoliertes lyrisches Ich: «Ich lach' alleine und ich heul' allein und jag' allein den Euroschein / Ich bin nicht mal enttäuscht, ich bin ein Wolf, ich brauch' kein'n Freundeskreis.» Er bezeichnet sich selbst als «Wolf» – ein Bild für radikale Selbstständigkeit. Das lyrische Ich betont sein Leben ausserhalb fester sozialer Bindungen, das stark auf Geldstreben ausgerichtet ist. Ob diese Haltung gewählt oder erzwungen ist, bleibt offen.
Später inszeniert er sich sogar wie ein König: «D'Rag auf mei'm Kopf sitzt wie eine Krone, Nina ist mein Zepter / Ich trag' kein Hermelin, sondern Kevlar.» Dadurch wird seine Selbststilisierung als überhöhte, machtvolle Figur weitergeführt und gesteigert. Seine Pistole wird zum Zepter, zum Symbol seiner Macht, während die königliche Kleidung durch Kevlar ersetzt wird, eine kugelsichere Weste, die Härte und Schutz symbolisiert.
Haben die Kritiker von Rap doch recht? Handelt es sich auch hier erneut um die simple Glorifizierung von Gewalt? Meiner Meinung nach nicht.
Die Aussagen des lyrischen Ich in «Regen» sind widersprüchlich. Einerseits ist er ein König, unabhängig und stark, ein «Wolf», der keine Freunde braucht. Andererseits zeigen viele Passagen, dass dies nur eine Fassade ist. Die Darstellung von Schlaflosigkeit widerspricht dem Bild des Wolfs als souveräne, unabhängige Figur. Die Küche, in der sich das lyrische Ich aufhält, ist hier kein zufälliger Ort, sondern ein alltäglicher Raum, der normalerweise nachts keine Rolle spielt. Gerade deshalb wird seine Anwesenheit dort zu einem Zeichen von Unruhe und innerem Konflikt. Auch die dargestellten Zweifel stehen im Spannungsverhältnis zum Bild des Wolfs als instinktsicherem, entschlossenem Wesen. Das lyrische Ich wünscht sich insgeheim, dass sein Leben anders wäre, dass er nicht denselben Tag immer wieder erleben müsste. Die Zweifel, die bei der Schilderung des Banküberfalls angedeutet wurden, sind überall anzutreffen. «Keiner von euch hört den Poltergeist / Ich lach' alleine und ich heul' allein und jag' allein den Euroschein.» Der «Poltergeist» kann als Symbol für seine Probleme und Ängste, die nur er wahrnimmt, gelesen werden. Der Protagonist scheint zu wissen, dass sein Leben so nicht weitergehen kann, doch er verändert nichts.
Der selbsternannte Wolf lacht allein, weint allein und jagt allein nach Reichtum. Es stellt sich die Frage, ob das Bild des Wolfes tatsächlich so treffend ist. Ich sehe einen Mann, der allein lacht und weint allein, weil niemand seine Probleme versteht. Seine Behauptung, er brauche keine Freunde, ist eine Schutzbehauptung.
Doch wofür steht der Regen? Er kann als Metapher für seine psychische Belastung, seine Probleme gelesen werden. Der Refrain zeigt das deutlich:
«Wenn es regnet, regnet's richtig
Ich sitz in der Küche nachts und zähle meinen Lichtblick
Sie lässt mich jeden Abend im Glauben, ich sei glücklich
Ich lass sie denken, dass ich's nicht wüsste»
Jede Nacht ist er unruhig, kann nicht schlafen und sieht keine echte Hoffnung für die Zukunft. Er versucht, sich selbst zu beruhigen. Wenn er schliesslich schlafen geht, hat er sich fast überzeugt, dass alles in Ordnung ist – dass er glücklich ist. Dies kann als Form der Selbstberuhigung oder Selbsttäuschung interpretiert werden.
Er glaubt, er brauche keine Freunde – nur ein Dach über dem Kopf, etwas, das ihn vor dem Regen schützt. Doch genau die fehlende soziale Unterstützung erzeugt den «Regen», lässt die Probleme nicht verschwinden. Er ist in einer Endlosschleife gefangen: Jede Nacht kommt er zur Einsicht und beginnt dann gleich wieder mit dem Verdrängungsprozess.
Damit zeigt sich: Rap ist ein Spiel mit Sprache – und die Analyse seiner Texte ist selbst Teil dieses Spiels, weil sie Bedeutungen nicht nur beschreibt, sondern mit hervorbringt.
David Maier ist Schüler der Klasse 4i und Teil der Redaktion LGazette (SJ 25/26).
