INTERVIEW

 

GECHILLT GAMEN MACHT VIEL MEHR SPASS

 

Noemi Soluch trifft Lina Seeger und Lucien Pruvost (LG-Schüler:innen) 
sowie Fabian Bächli (Suchtpräventionstelle der Stadt Zürich)

 

Gamen gehört für viele Jugendliche ganz selbstverständlich zum Alltag: Für die einen ist es ein Hobby, für andere ein Ausgleich, für wieder andere möglicherweise ein grosses Problem. Doch was bedeutet Gamen eigentlich genau? Ist es Zeitvertreib, soziale Aktivität, Lernfeld und wie gross ist die Suchtgefahr?

Um diese Fragen aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten, habe ich mit zwei Menschen aus meinem Alltag und einer Fachperson gesprochen: Lina und Lucien, die ans LG gehen und beide leidenschaftlich gamen, und Fabian Bächli von der Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich. Ihre Antworten zeigen, wie vielfältig und widersprüchlich das Thema Gaming sein kann.


Interview mit Fabian Bächli

 

Was bedeutet Gamen für Sie persönlich?

Ich bin nicht wirklich ein Computerspieler, eher ein Netflixschauer – in meiner jetzigen Lebensphase. Als Kind spielte ich FIFA, das Fussballspiel von EA Sports, welches auch heute unter Jugendlichen sehr populär ist. Ein Kollege von mir hatte dieses Leichtathletik-Zehnkampf-Game. Da musste man den Joystick – ich weiss nicht, sagt man dem heute überhaupt (lacht) – schnell hin und her bewegen, damit man den Hundertmeterlauf absolvieren konnte. Aber die Spiele haben sich natürlich extrem entwickelt. Heute bin ich eher ein Gesellschaftsspieler, ich jasse gerne und mag Brettspiele.

 

Welche positiven Seiten und Auswirkungen sehen Sie im Gamen?

Wenn Games Wissen vermitteln, finde ich sie sehr sinnvoll, da man Wissen sehr gut mit Wiederholungen antrainieren kann. Man kann auch Rechenaufgaben oder verschiedene Sprachen üben. Die meisten Gamer sprechen fliessend Englisch, weil das die Gamersprache ist. Aber es gibt noch andere wichtige Voraussetzungen, die zutreffen sollten, damit das Game eine positive Wirkung hat: Das Thema muss die Schüler:innen wirklich interessieren und eine klare Rückmeldung zum Leistungsstand geben.

 

Welche negativen Seiten und Auswirkungen sehen Sie im Gamen?

Ich möchte vorwegnehmen: Da das Gebiet sehr breit ist, ist mein Blickwinkel mehrheitlich einer aus der Suchtprävention. Es hängt davon ab, was man hinter den Geräten mit den Games tut. Es kommt auch auf den Entwicklungsstand, die Persönlichkeit an und wie und durch wen die Spiele eingeführt wurden.Spielen die Kinder Spiele, die nicht altersgerecht sind? Dann hat es meistens negative Auswirkungen. 

Wenn eine jugendliche Person in einer schwierigen Situation steckt, viele Frustrationen und Probleme hat, und Spielen die einzige Bewältigungsstrategie ist, die zur Verfügung steht, dann kann das Gamen sehr problematisch werden. Ausserdem kann Gamen natürlich süchtig machen, zum Beispiel durch die versteckte Glücksspielthematik oder durch den Handlungsdruck – also das Gefühl: Wenn ich jetzt nicht spiele, verliere ich Punkte oder falle aus der Gamergruppe.

Daneben kann man sich folgende Fragen stellen: Gibt es frauenfeindliche, sexistische Inhalte? Ist die Sprache abwertend? Werden Gewaltszenen verherrlicht oder verharmlost? Oder macht das Spiel mir Angst? Das sind alles wichtige Aspekte.

Denken Sie, dass man durch das Gamen Fähigkeiten entwickeln kann, z.B. Teamarbeit, Reflexe?

 

Genau, Teamwork und Reflexe sind zwei Dinge, die man durchaus trainieren kann. Es gibt Games, die explizit fürs Lernen entwickelt wurden, und Unterhaltungsspiele, bei denen man ebenfalls etwas lernen kann.

Viele sprechen von der Augen-Hand-Koordination, also von motorischen Fähigkeiten, Reaktionsschnelligkeit oder Konzentration. Dazu kommen das Navigieren und Lenken, das räumliche Vorstellungsvermögen sowie kognitive Aspekte wie sich Dinge merken, kombinieren und ausprobieren.

Was man ebenfalls lernen kann, ist Zeitmanagement, denn gewisse Spiele arbeiten mit Zeitlimits, innerhalb derer man Aufgaben erledigen muss. Spannend ist auch das Ressourcenmanagement: In manchen Spielen muss man Ressourcen sinnvoll einteilen und vorausdenken. Dadurch können Planungs- und Problemlösekompetenzen entwickelt werden.

Wichtig ist sicherlich auch der Umgang mit Emotionen, besonders in Stresssituationen. Dabei trainiert man Selbstdisziplin und Ausdauer. Ausserdem können soziale Fähigkeiten wie Teamfähigkeit, Hilfsbereitschaft und Kooperationsfähigkeit gefördert werden.

 

Wie viel Spielzeit pro Tag oder Woche erachten Sie als gesund?

 

Das ist eine Frage, die mir Eltern oft stellen. Eine feste Stundenzahl gibt es dabei eigentlich nicht. Entscheidend ist vielmehr, wie man mit der Spielzeit umgeht. Wichtig ist zum Beispiel, ob ich mit dem Gamen aufhören kann, wenn ich merke, dass es genug ist – oder ob ich nachts weiterspiele und dadurch Schlafprobleme entstehen.

Zu viel Gamen sollte ausserdem nicht dazu führen, dass andere Interessen und Aktivitäten verloren gehen – dass ich zum Beispiel nicht mehr ins Volleyball oder in den Strickverein gehe, weil ich nur noch spiele.

Problematisch wird es auch, wenn negative Konsequenzen auftreten, etwa schlechtere Noten, Unpünktlichkeit oder häufige Absenzen. Hinzu kommen Gereiztheit und Unruhe, wenn man nicht spielen kann, sowie sozialer Rückzug – zum Beispiel wenn jemand immer mehr Zeit alleine im Zimmer verbringt und sich von anderen abkapselt.

Eine wichtige Frage ist auch, ob das Spielen ein Mittel ist, um Probleme zu bewältigen. Das kann grundsätzlich in Ordnung sein. Kritisch wird es aber dann, wenn das Gamen die einzige Bewältigungsstrategie ist.

 

Welche Spiele finden Sie besonders empfehlenswert – und warum?

 

Ich kann keine Spiele empfehlen; ich möchte auch nicht, weil ich wirklich kein Fachmann bin. Aber es gibt Merkmale für empfehlenswerte Spiele: kindgerechter Humor, die Spannung ist zum Aushalten, positive Vorbilder und positive Botschaften kommen darin vor, das Wissen ist altersgerecht verpackt und die Machart ist originell, inspirierend und interessant.


 

Interview mit Lina Seegler und Lucien Pruvost (3c, SJ 25/26)

 

Was bedeutet Gamen für euch persönlich?

Lina: Also, ich game schon ziemlich oft, weil es ist… cool. Ich spiele meistens Spiele, die man mit mehreren Personen spielen kann. Gell du auch, Lucien?

Lucien: Ja.

Lina: Richtig gamen tue ich, seit ich am LG bin, weil ich Lucien kennenlernte, der immer auf Steam* Spiele gespielt hat. Ja, er hat mich beeinflusst. Er hat mich dazu gezwungen! Nein, Spass. Auf jeden Fall hat er immer Horrorspiele auf Steam gespielt und wir haben ihm zugeschaut, bis ich mir dann selbst Steam auf meinem MacBook installierte, auf meinem ersten MacBook. Wow, waren das schöne Zeiten. (lacht)

Das erste Spiel, das ich mir gekauft habe, war Hollow Knight. Ein sehr tolles Spiel. Und du, Lucien?

Lucien: Ich habe eigentlich auch das Gefühl, dass ich eher Games spiele, bei denen du mit Freunden spielst, weil es dann einfach viel lustiger ist. Alleine ist natürlich auch lustig, aber viel weniger als mit Freunden. Ich würde sagen, dass ich im Gymnasium erst so richtig angefangen habe zu gamen, als ich meinen Laptop bekommen habe. 

 

*Steam: Die grösste Online-Plattform, auf der man PC-Spiele kaufen und herunterladen kann. 

 

Welche positiven Seiten und Auswirkungen seht ihr im Gamen?

Lucien: Also ich würde sagen, für die Schule bringt Gamen NICHTS. Vielleicht nur ein kleines bisschen Kreativität, aber solche Inspiration kriegst du auch von anderen Sachen wie zum Beispiel durchs Bücher lesen oder Zeichnen.

Aber, ein positiver Punkt vom Gamen ist, dass du soziale Sachen mit deinen Freunden machen kannst. Auch wenn es zehn Uhr am Abend ist und ihr euch nicht treffen wollt, könnt ihr immer schnell zusammen irgendetwas spielen. Oder, man kann sich beim Gamen auch ein wenig entspannen. 

Lina: Sorgen vergessen.

Lucien: Ja. Aber das ist eher dann gut, wenn du keine Schule hast oder in den Ferien bist. Gell, Lina?

Lina: Ja genau, ich game immer nur am Wochenende… (lacht zweideutig)

Aber ansonsten, ja, es macht einfach sehr viel Spass und ist auch ein Hobby, was ein bisschen traurig ist, aber… 

Lucien: Ja, es ist ein trauriges Hobby. Es sollte einfach nicht dein einziges Hobby sein.

Lina: Ja. Man sollte auch andere Sachen machen… Irgendeine Sportart, Theater, was weiss ich. Ich meine, es gibt so viel Auswahl – vor allem hier am LG. Wow, kurze Werbung!

Lucien: Ja, der Volleyballkurs ist sehr cool!

 

Welche negativen Seiten und Auswirkungen seht ihr im Gamen?

Lucien: Es zieht deine Noten runter.

Lina: Psssssst! Aber ja, das Problem ist, dass ich mir dann immer denke: Ich game jetzt ganz kurz und dann kann ich lernen. Aber das Problem ist, dass ich, erstens, so im Gamen versunken bin und ich dann nicht mehr aufhören kann. Und zweitens, wenn ich dann tatsächlich mal aufhöre, kann ich mich nicht mehr konzentrieren, weil ich nur noch das Game im Kopf habe. Das ist halt blöd.

Lucien: Ja eben, wenn es dein einziges Hobby ist und das Einzige ist, das du machst, ist es nicht so gut, denn es gibt Wichtigeres im Leben, ganz ehrlich. Lina hat das sehr treffend gesagt, mit dem Lernen. Es ist wichtig, Prioritäten setzen zu können und Gamen sollte eher eine der letzten Prioritäten sein.

Lina: Und das können wir beide nicht, müssen wir kurz mal anmerken. Wir dürfen jetzt nicht lügen, oder? Natürlich schaffen ich es trotzdem, vor der Prüfung dann zu wissen: Oh, jetzt muss ich noch kurz intensiv lernen, aber es ist sehr schwer für mich. Lucien, kannst du das?

Lucien: Wenn ich es wirklich machen muss, dann schon. Etwas das mir hilft, ist, mir einfach vorzustellen, dass es schon Abend ist. Ich mache dann einfach das Fenster zu, dass kein Licht mehr reinkommt. 

Lina: Das ist nicht schlau!

Lucien: Das funktioniert aber für mein Gehirn, weil es sonst so denkt: Oh, es ist zwei Uhr, ich kann noch drei Stunden suchten…

Lina: Jaaa… Nein, es funktioniert bei mir trotzdem nicht. Nächste Frage!

 

Denkt ihr, dass man durch das Gamen Fähigkeiten entwickeln kann, z.B. Teamarbeit, Reflexe?

Lucien: Reflexe… Das Ding ist einfach, all deine Reflexe sind nachher in deinen Händen und wenn dann jemand auf dich zu rennt, dann machst du einfach so (demonstriert zappelnde Hände). Wenn du also körperliche Fähigkeiten möchtest, dann mach lieber Sport.

Lina: Ja, es ist jetzt nicht so, dass ich game, damit ich Fähigkeiten bekomme, die ich in der Wildnis brauchen kann. Aber, zum Beispiel… Among Us bringt dir bei, zu diskutieren und den Verräter zu finden.

Und Spiritfarer. Spiritfarer bringt dir bei, dich von Leuten zu verabschieden und hat eine schöne Moral. 

Lucien: Stimmt. Davon abgesehen: Vielleicht lernst du ein paar wenige Sachen, aber man lernt nicht extrem viel Schlaues. Beim Film schauen lernst du auch nicht so so viel.

Lina: Ich denke, beim Film schauen kommt es auch darauf an, welchen Film du dir anschaust. Bei Dokumentarfilmen…

Lucien: Es kommt auch darauf an, welche Spiele du spielst. Strategiespiele sind ein wenig wie Dokumentarfilme.

 

Wie viel Spielzeit pro Tag oder Woche erachtet ihr als gesund?

 

Lucien: Ich würde sagen, man sollte eher an Tagen gamen, an denen man weniger arbeitet oder an Wochenenden. Was ich sagen würde, ist so fünf bis sechs Stunden in der Woche, und diese halt möglichst über die Zeit verteilen, wo du nichts anderes zu tun hast.

Lina: Ich finde auch, es macht halt einfach mehr Spass, wenn du gelernt hast und dann weisst: Jetzt habe ich wirklich Zeit, jetzt kann ich auch lange spielen. Denn wenn du jede freie Minute gamst, bist du immer gestresst. Gechillt gamen macht viel mehr Spass.

 

Welche Spiele findet ihr besonders empfehlenswert – und warum?

Lucien: Halo. Halo ist gut.

Lina: Halo ist zu brutal.

Lucien: Was für!

Lina: Er spielt immer so brutale Spiele, wo man Leute abschlachten muss.

Lucien: Hahaha (lacht ironisch)! Und Fortnite würde ich auch empfehlen.

Lina: Ja, stimmt. Oder Minecraft. Ist aber am coolsten mit Freunden oder online. Und, wenn man aber mit Freunden spielt, ist es auch sehr lustig, wenn man Horrorspiele spielt und Angst vor den Horrordingern hat… 

Lucien, was hast du noch so?

Lucien: Hollow Night.

Lina: Hollow Night, ja! Das habe auch bereits erwähnt; das war mein erstes Spiel. Ach ja, und Lucien spielt auch immer so ein My-little-Pony-Spiel.

Lucien: Das ist auch ein gutes Spiel!

 

Was denken eure Eltern über euer Gameverhalten?

Lucien: Unsere Eltern sind sehr enttäuscht. Sie wollen unbedingt, dass wir etwas anderes machen. Nein, Spass! Am Anfang haben sie immer gewollt, dass ich die ganze Zeit lerne, statt zu gamen, aber das ist auch verständlich, denn es war auch Probezeit. Aber jetzt ist es eigentlich eher so, dass, solange ich keine Probleme in der Schule habe und lerne, ich mehr Freiheit habe.

Lina: Also bei mir ist es ein wenig anders. Meine Eltern finden es jetzt nicht unbedingt immer so toll, wenn ich spiele, denn es ist aus ihrer Sicht eine Zeitverschwendung. Aber sie finden es besser, als wenn ich auf Social Media bin, weil wenn man spielt, macht man wenigstens etwas Soziales. Bei Social Media scrollt man einfach durch Videos und sieht, wie andere Leute Sachen machen. Aber natürlich ist beides, also Social Media und Gamen, nicht so toll. Meine Eltern zwingen mich dann auch immer zum Gitarre-Spielen. 

Lucien: Hast du es denn nicht gerne?

Lina: Doch, ich liebe Gitarre spielen! Aber manchmal will ich einfach lieber Gamen.

 

Suchtprävention?

Falls du Fragen oder Unsicherheiten im Umgang mit Gaming hast – bei dir selbst oder bei einer nahestehenden Person – kannst du dich an unseren Schulsozialarbeiter Lucas Arquint oder an die Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich wenden. Dort erhältst du Unterstützung in Form von Beratung und Aufklärung.